Rollentausch: Wenn der Partner zum Hausmann wird

Kürzlich erst hörte ich wieder den Satz: Das Private ist Politisch. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob das stimmt. Dann fiel mir dieser eine Abend wieder ein. Ich hatte Feierabend und traf Zuhause meinen wütenden (Haus)-Mann vor, der sich über die viele Care-Arbeit beschwerte. Zuerst wollte ich die ganze Welt zum Champagnertrinken auf unseren Balkon einladen, doch dann traf mich eine große Erkenntnis wie ein Holzhammer.

Anfang 2019 haben mein Mann und ich die Rollen getauscht: Ich gründete ein Start-up rund um unseren Blog Happy Vagina und er kümmerte sich um Kind, Küche und halbtags um seine neue Karriere. Sieben Monate waren vergangen, seitdem er „Hausmann“ geworden war. Eines Abends sitzt er neben mir: erschöpft und frustriert. Noch um 18 Uhr hat er den Großeinkauf gewuppt, für uns das Abendessen gemacht und unser Kind ins Bett gebracht (Montag ist mein freier Abend). Nachmittags hat er natürlich die Kleene abgeholt, war Eis essen, hat Streitereien geschlichtet und Wunden heile gepustet. Vormittags stand sein eigenes Business auf dem Stundenplan.

Nun sitzt er also da, mit vorwurfsvollem Blick und müden Schultern. Die Wohnung sei so zugemüllt, ständig müsse er aufräumen und er wisse gar nicht, woher er die Zeit nun auch noch dafür nehmen solle... 15 Minuten höre ich ihm zu, höre seinen Frust, seine Wut und seine Erschöpfung und dann knallt mich der Holzhammer der Erkenntnis um.

Das tägliche Chaos

Ich höre mich! Mich in den Jahren davor. Wie ich über den Berg an Wäsche, Kinderspielzeug und „Das-muss-auch-noch-getan-werden“ heule. Wie ich versuche, dem Alltag Herrin zu werden, indem ich mich noch besser organisiere (auf dem Weg zum Supermarkt die Glasflaschen wegbringen und auf dem Rückweg bei der Reinigung vorbei), noch härter arbeite und noch effizienter bin (Wäsche aufhängen, während ich über das Headset die neuen Blogthemen bespreche). Mit dem Resultat, dass ich vorwurfsvoll, bitter und gereizt wurde – und dauererschöpft war.

Und nun also mein Mann. Er kümmert sich um alles. Die eigene Karriere, Einkauf, Einschulung, eilig neue Schuhe kaufen. Genauso wie Arztbesuche, Inspektion des Autos und den kaputten Kühlschrank. Er freut sich, wenn die Klamotten gewaschen, abgehängt und weggeräumt sind, um sie dann nächste Woche wieder im Wäschekorb zu finden. Kämpft gegen das tägliche Chaos im Kinderzimmer und mit dem normalen Wahnsinn on top: Kita-Schließzeiten, keine Grundschulplätze in Berlin-Mitte, spontan noch Kartoffelsalat für das Sommerfest und Geschenke für Kindergeburtstage besorgen.

Das gesellschaftliche Problem

Doch dieses Pensum von Arbeit (neben der eigentlichen Arbeit) ist nicht schaffbar. Von niemandem. Nicht von meinem Mann und auch nicht von mir. Bäm! Ich lehne mich zurück und feiere meine Erkenntnis. Champagner, bitte!

Aber nur kurz, denn eigentlich ist es bitter. Alle scheitern daran – Mütter wie Väter: tagtäglich. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, nichts mit dem Organisationstalent und es ist auch kein Einzelschicksal: Es ist ein gesellschaftliches Problem. Und das erlebt nun auch mein Mann!

Tina Molin
Denise Siegel
Tina Molin ist Mitgründerin und Chefredakteurin von OW up!

Über die Autorin

Tina Molin

Arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin und hat sich schon mit vielen spannenden Themen beschäftigt. 1996 schrieb sie in Hamburg bereits über Techno, Tracks und DJs. Ab 2000 verfolgte sie für PRINZ das pulsierende Berliner Nachtleben. Später interviewte sie für BUNTE Prominente von Hugh Jackman bis Lady Gaga. Dann wurde sie Mutter – und plötzlich war die Lust weg. Daraus folgte der Blog Happy Vagina und das Interesse für weibliche Sexualität. Als Gründerin und Chefredakteurin von OW up! möchte sie Frauen inspirieren und motivieren, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.