Wenn Erwachsene rumtoben - ist Raufen das neue Kuscheln?

Veranstaltungen mit viel Körperkontakt boomen in Deutschland und finden in fast jeder größeren Stadt statt. Neben Swingerpartys sind seit einigen Jahren Kuschelpartys auf dem Vormarsch, doch der neueste Trend im Zwischenmenschlichen heißt: Raufen. Unsere Autor*in Jo hat eine Rauf-Party im Berliner „Insomnia” besucht und für uns herausgefunden, was eigentlich so sexy daran, sich mit anderen Erwachsenen zu raufen und zu balgen?

Als ich noch ein Kind war, gehörte Raufen nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Das lag an meinem tyrannischen Bruder, der mich fast täglich verkloppt hat, um zu zeigen, wer der Stärkere von uns beiden ist und in unserer Geschwisterhierarchie das Sagen hat. Ich musste also lernen, mich zu verteidigen und einige kleine Tricks wie kneifen, beißen, an den Haare ziehen oder kitzeln anwenden, um halbwegs meine Ruhe zu haben.

Später habe ich mit meinen eigenen Kindern liebevoll und aus Spaß rumgebalgt. Das war manchmal ziemlich akrobatisch und hat einmal zu einer üblen Nasenbeinprellung geführt, als mein damals sechsjähriger Sohn, den ich auf meinen Füßen balancierte, auf meinem Gesicht landete.

Regelmäßige Rauf-Events in Berlin

In Berlin sind der Playfightclub, die PlayFightClique und der Sensual Fightclub die wichtigsten Adressen. Playfighten ist vergnügliches Kämpfen, Kräftemessen, Herumtollen und Spielen. Ich würde es aber eher als Körperarbeit denn als Kampfsport bezeichnen. Es zieht Singles und Paare an. Singles nutzen die Gelegenheit des intensiven Körperkontakts ohne den Druck, den sexuell angelegte Begegnungen meistens mit sich bringen. Paaren dient das Raufen als neue körperliche Erfahrung auf der Beziehungsebene oder um unbeschwert und einvernehmlich Körperkontakt mit anderen austauschen zu können.

Wie läuft eine Raufparty ab?

Den „Sensual Fightclub“ habe ich jetzt bereits zweimal besucht und schon beim ersten Mal festgestellt: Raufen löst bei mir niedere Instinkte aus. Das hat mich überrascht und ein wenig erschrocken. Aber es hat mich auch richtig energetisiert!

Der „Sensual Fightclub” wird von bis zu fünfzig raufwilligen Erwachsenen jeglichen Alters und Geschlechts und jeder körperlichen Statur und Fitness besucht. Da er als externe Veranstaltung alle sechs bis acht Wochen im Insomnia und nicht in einem Dojo stattfindet, ist die Raumatmosphäre wie in einem Club. Der Boden ist mit dünnen Matten ausgelegt, es gibt keine Absperrung und der Raum ist gut belüftet. Es gibt also auch keinen alten Sporthallen-Mief nach Käsefüßen und Staub. Der Raum ist in drei Spielbereiche aufgeteilt, in denen aus Sicherheitsgründen jeweils nur ein Paar oder eine Gruppe raufen darf. Bereits im Laufe des ersten Abends habe ich mir einen Ruf als echte Raufboldin „erkämpft“. Sollte diese wilde und andere Menschen herumwirbelnde Furie tatsächlich ich sein?

Bin ich wirklich eine Raufbold*in?

Mit der Absicht, über das Raufen zu berichten, habe ich mich bald darauf ein zweites Mal aufgemacht, um dieses Mal mehr mit anderen Besuchern ins Gespräch zu kommen und mit einem berichterstattenden Blick teilzunehmen. Natürlich war ich auch neugierig, ob sich meine Instinkte beim zweiten Treffen genauso zeigen würden oder ob ich in einer anderen Stimmung ein anderes Raufverhalten an den Tag legen würde.

Ich bin also mit einem gedanklichen Fragezeichen zum zweiten Mal zum „Sensual Fightclub“ gegangen und habe mich zusammen mit etwa 40 weiteren Raufwilligen im Basement des Clubs wiedergefunden. Trainer Stephan hat uns ein paar Regeln ans Herz gelegt: achtsamer Umgang, nicht treten, hauen, beißen, kratzen oder die Gelenke überdrehen… Also sich und andere nicht absichtlich verletzen.

Erst aufwärmen, dann ab in den Ring

Es ging los mit ein paar Aufwärmübungen und Gruppenspielen, bei denen es mehr um Körperkontakt, Zusammenspiel und Harmonie geht. Dann war es soweit: Die drei Mattenbereiche wurden eröffnet. Nur ein Kampf pro Matte. Gekämpft wird solange, bis einer abklopft, man sich anderweitig verständigt aufzuhören oder eine Pause einlegen will.

Ich rechnete mir angesichts der großen Gruppe schlechte Chancen aus, mich einigermaßen auszupowern. Daher ich ergriff die erstbeste Gelegenheit, schnappte mir eine Freundin und wir legten los. Einmal taktieren, ansetzen und zack saß ich über ihr und hielt ihre Arme hinter den Kopf. Sie hüpfte unter mir wild herum und versuchte mich abzuschütteln. Vergeblich. Mein wöchentliches Krafttraining zahlt sich aus.

Die Kampfstile sind bemerkenswert unterschiedlich. Katzenhaftes umeinander herum tänzeln, krasses und bestimmt schmerzhaftes Ringen zweier muskelbepackter Männer, Freundschaftsduelle und erotischer Fastbeischlaf. Und lass es Dir gesagt sein: Das Zuschauen ist auch sehr spannend! Doch noch mehrfach bekam ich Gelegenheit zum Raufen. Zweimal heftiger, wobei das eine Mal mit einem stämmigen Mann unangenehm wurde. Der war nämlich kein bisschen achtsam und wir brachen den Kampf wegen „falscher Energien“ (seine Worte) vorzeitig ab.

Blind fühlt man mehr!

Zweimal habe ich sogar mit verbundenen Augen gekämpft. Das hat sich toll angefühlt. Viel vorsichtiger und harmonischer als sehend. Viel ertasten, langsam den anderen wahrnehmen und eine gemeinsame Körpersprache finden. Für mich war es etwas zwischen kuscheln und Tango tanzen (hier spricht die neu entdeckte Leidenschaft für Tango Argentino aus mir). Blindkämpfen unterliegt zudem einer gruppendynamischen Verantwortung. Die Zuschauer müssen ebenfalls aktiv sein, indem sie aufpassen, dass die Kämpfenden die gepolsterte Arena nicht verlassen oder sich an Wänden verletzen. Ich habe mich aufgehoben und sicher gefühlt. Eines der Paare hat sich nach einem Blindkampf für den Rest des Abends zum Kuscheln zurückgezogen.
Einmal habe ich mit meiner Freundin gegen einen Mann gekämpft. Das habe ich im Verlauf des Abends mehrfach beobachtet: Zwei oder mehrere Frauen kämpfen gegen einen Mann. Den Kerlen scheint das besonders zu gefallen.

Körperarbeit, Emotionen und was ist eigentlich mit Sex?

Über mich habe ich einiges gelernt: Körperarbeit setzt Emotionen frei, gute und schlechte. Ich konnte lachen, Spaß haben, Aggressionen dosiert freilassen oder erotische Schwingungen austauschen. Nach dem Raufen ging es mir an beiden Abenden gut. Ich war entspannt und ausgepowert. Ich hatte zwar einige Blessuren, aber das mag an meiner eitlen Weigerung gelegen haben Knieschoner zu benutzen und natürlich an meiner offensiven Art zu kämpfen.

Und dann bleibt am Ende noch die Frage nach dem Sex: Beim „Sensual Fightclub” fliegen bei einigen die erotischen Funken. Ich denke, es kommt auf die Intention an, mit der Frau oder Mann zum Raufen kommt. Wenn ich aus meinen Raufbegegnungen eine erotische Erfahrung machen möchte, finde ich zukünftig bestimmt eine Gelegenheit. Manche Paare entdecken eine neue Form von Körperlichkeit und ich kann mir gut vorstellen, dass der Sex dadurch eine Bereicherung erfährt, vielleicht eine neue Spielart.

Meine Sexualität hat sich durch das Raufen nicht grundsätzlich verändert. Es gab aber danach schon Momente, in denen Raufen beim Sex mit eingeflossen ist und das war spannend, hängt aber sehr von der Bereitschaft der Partner*in ab, sich darauf einzulassen.

Mein Fazit: Ich werde bestimmt keine leidenschaftliche Playfighterin, die keine Raufgelegenheit auslässt, aber ab und zu, werde ich mich bestimmt mal blicken lassen.

 

 

Markus Weidmann

Über die Autorin

Jo

Jo ist Stadtphoenix, Autorin, Pädagogin, Coach und Bodyworkerin. Gerade gibt es zwei Themen, die ihr Schreiben und Wirken bestimmen: Transformation und Sexualität.
Sie lebt in Berlin, ist polyamor unterwegs und versteht sich als queer in Bezug auf ihre Geschlechteridentität und Sexualität. Sie hat zwei Kinder (16 und 22) und sieht es als Herausforderung an, ihnen eine Brücke zu einer befriedigenden Sexualität durch Gespräche und Offenheit zu bauen.