Anna lebt ihr sexuelles Erwachen im Swinger Club aus

Unsere Autorin Heike Niemeier liebt die Deutsche Bahn, weil sie im Speisewagen stets inspirierende Gespräche führt. Diesmal erzählte ihr Anna von der Leere vor der Scheidung, vom Finden der eigenen sexuellen Lust, der großen Liebe und den gemeinsamen Abenteuern im Swinger Club.

Anna ist 50 Jahre alt, das zweite Mal verheiratet und hat zwei große Kinder. Nun könnte ich denken, noch so ein Klischee: Hausfrau, Kinder sind aus dem Haus und jetzt gibt es sexuelle Abwechslung in Form des Swinger Clubs. Weit gefehlt. Hier ihre Geschichte.

Im Prinzip hat Anna ganz brav mit all den romantischen Vorstellungen angefangen, darüber, wie Beziehungen zu sein haben, inklusive des Wartens, weil der Typ schon wieder mal nicht anruft.Diesen Klassiker – nicht zu vergessen das nachschauen, ob das Telefon überhaupt noch funktioniert – -kennen sicher viele, mich eingeschlossen.

Ehe: Stabilität statt leidenschaftlichem Sex

Sie lernte ihren ersten Mann kennen, der ihr Verlässlichkeit und Sicherheit gab. Der Sex war ok. Sie ist dann auch schnell das erste Mal schwanger geworden, bald darauf das zweite Mal. Aber in der Körperlichkeit waren sie weit voneinander entfernt. Es fühlte sich an, wie bei zwei sehr guten Freunden. Scheinbar fehlte die Leidenschaft. Aber wie stellte sich Anna damals Leidenschaft vor?

Ihr Bild von Leidenschaft war geprägt von Hollywood-Romanzen und dem romantischen Liebesbegriff des „Happy ever after“, der bis heute noch bei so vielen Menschen im Kopf herumspukt. Ihr war klar, dass die Hollywood'sche Leidenschaft nur ein Märchen auf der Leinwand ist. Aber aufgrund mangelnder Erfahrung konnte sie nichts an deren Stelle setzen und lebte die Beziehung, die ihr das nächst Wichtigste gab: Stabilität.

Der Klassiker: Die Affäre

Natürlich träumte sie von leidenschaftlichem Sex, bei dem die Kontrolle wegfällt. Aber was genau das sein sollte, das wusste sie nicht. Während sie also in dieser Ehe lebte, wusste sie tief in sich, dass etwas fehlte. Doch sie verdrängte es, blieb in der ehelichen Gemeinschaft, weil er ein guter Familienvater war, und weil ihr Familie und Kinder zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig waren. Eine Frühgeburt beschäftigte sie, viele Umzüge über den Kontinent, sodass sie gar nicht in die Situation kam, in sich hineinzuhorchen, was da noch möglich wäre. Dazu kam ein großer Freundinnenkreis, sodass sie emotional gesehen zusätzlich an anderer Stelle gefüttert wurde. Die emotionale Unterversorgung in der Partnerschaft wurde andernorts aufgefangen.

Der nächste Schritt, fast schon ein Klassiker: Ihr Mann hatte eine Affäre, verliebt sich in eine jüngere Frau, die Scheidung folgte.

Ihre Neugierde übernahm die sexuelle Führung

Hier kam der Moment, in dem sie sich selbst im Spiegel betrachtet hat. Zuerst war sie erzürnt, dass er das gemeinsame Lebenskonzept über Bord geworfen hatte. Aber wirklich traurig darüber, diesen Mann nicht mehr an ihrer Seite und in ihrem Bett zu haben, war sie nicht. Sie hatte übrigens zwischendurch keine Affären.

Doch nun übernahm die Neugierde die Führung. Es folgten Dating-Plattformen, eine Affäre mit ihrem Friseur (sind die nicht alle schwul???) und eine Fernbeziehung mit einem verheirateten Mann.Sie kam aus sich heraus, entwickelte ihre Selbstliebe, ging nach Berlin und probierte weitere Dating-Plattformen aus. Sie suchte dort keinen Vater für ihre Kinder, sondern Männer für sich, um ihre Lust zu erkennen, auszuprobieren und zu leben. Dabei hat sie sich nie als eine Frau empfunden, die alleine bleiben wird. Das Gefühl, wieder einen Partner zu haben, hat sie immer begleitet.

Der neue Mann: Er dirigiert den Raum – sie genießt

Und dann kommt über eine Dating Plattform dieser Mann, mit dem sie nun seit zwei Jahren verheiratet ist und der sie in den Swinger Club und auch weiter und tiefer in ihre eigene Leidenschaft gebracht hat. Was ist passiert?

Er entführt sie an einen FKK-See mit einem Bereich, in dem offen und frei miteinander umgegangen werden kann. Es folgt der erste, öffentliche Sex. Dann eine Massage von ihm, die sich auf einmal von einer zweihändigen zu einer sechshändigen Massage ausweitet. Er hatte vorher ein Paar zum mitmassieren „akquiriert“. Er dirigiert den Raum, zieht sich zurück, überlässt dem Paar das Revier, schaut zu, kommt zurück zu ihr. Die Spannung und das Vertrauen zwischen den beiden ist geschaffen.

Sein Wunsch: Gemeinsam in den Swinger Club

Anna beschreibt ihn als einen sehr körperlichen Mann und als guten Regisseur solcher Szenarien. Da gibt es keine Unsicherheiten bei ihm, und das macht mit ihr, dass sie sich darauf einlassen kann. Sie hatte sofort großes Vertrauen zu ihm. Sie war sicher, dass er nichts mit ihr machen würde, was schlimm sei, oder was sie nicht wollte. Und dass er auch sofort innehält, wenn sie gegen etwas ist. Der Konsens war also von Anfang an unmittelbar gegeben.

Er hat dann sehr bald den Wunsch geäußert, mit ihr in einen Swinger Club zu gehen. Das fand schon ein paar Tage später statt.

Die Klischees über Sex-Clubs

Jetzt kommen erst einmal alle meine Klischees zu Tage: Adiletten (allerdings im letzten Jahr äußerst en vogue), Essen à la Geschnetzeltes, Paare, die sich über ihren Alltag unterhalten und dies besser zu Hause tun könnten, und zu guter Letzt Paare auf der Spielwiese, denen ich nicht zuschauen möchte. Und dies nicht, weil sie nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sondern weil ich bei ihnen keine Lust, kein Miteinander sehen würde. Und dann noch die Komplikation, Männer abwehren zu müssen, auf die ich keine Lust habe.

Anna bestätigt mir, dass es all diese Klischees gibt.

Also zurück zur Ausgangsfrage: Was ist der Reiz, das Interessante, das Spannende am Swinger Club, das bei mir noch nicht angekommen ist?

Die Regeln beim öffentlichen Sex

Vorab möchte ich wissen, welche Regeln sie vor dem ersten Besuch definiert haben. Safer Sex, sie schauen, ob es passt, sie geht nicht gern in Whirlpools. Alles funktioniert bei ihnen über den Augenkontakt. Wenn sie etwas nicht will, dann ist sofort Schluss, dann holt er sie aus der Situation heraus und es ist klar, dass sie gehen. Sie sind mittlerweile so gut eingespielt, dass es meist funktioniert und sie sich in einer gemeinsamen Schwingung befinden. Mich interessiert, ob diese Übereinkunft von Anfang an zwischen ihnen da war? Anna bestätigt mir das, wobei anfänglich auch noch das eine oder andere Wort ins Ohr geflüstert wurde.

Was ist der Reiz am Swingen?

Für Anna ist der Swinger Club die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Sex zu haben und trotzdem bei/mit ihrem Mann zu sein. Die Besuche im Swinger Club finden phasenweise, je nach Lust und Laune statt. Oft denken sie, es sei spießig. Aber manchmal entsteht da diesen Zauber, der mit ihnen beiden zu tun hat.

Es ist nicht das: „Ich muss jetzt mit jemandem vögeln!“, sondern es geht darum, eine gewisse Energie zu spüren. Und das ist für sie im Swinger Club erlebbar. Sie mögen es, zu nichts verpflichtet zu sein. Sie können gucken, ob es passt, können gehen, wenn es nicht passt, müssen sich nicht erklären, sind allerhöchstens sich selbst gegenüber verpflichtet. Der Swinger Club eröffnet die Möglichkeit der Unverbindlichkeit im positiven Sinne.

Der „Kater“ danach

Und wie sieht es mit der Eifersucht aus? Im Swinger Club existiert gar keine Eifersucht. Anna mag nur nicht alleine gelassen werden. Aber das weiß er. Es ist uneingeschränkt klar, sie ist seine Nummer 1 und er ist ihre Nummer 1. Das zeigt und sagt er ihr ganz deutlich und das gibt ihr ganz viel Sicherheit. Dieser öffentliche Raum, der Swinger Club, geht auch nur mit ihm.

Dort bietet sich ihr eine Möglichkeit, auszuprobieren, wie weit sie die Kontrolle abgeben und ihre Leidenschaft leben kann. Denn genau diese definierte Öffentlichkeit turnt sie an, aber nur im Beisein ihres Mannes.

Nach dem Besuch eines Swinger Clubs folgt häufig so etwas wie ein „Kater“, der energetische Abfall. Dann heißt es, zur Ruhe kommen und einige Zeit auf Rückzug zu schalten. Darum besuchen sie den Swinger Club auch nicht jede Woche. Das wäre für Anna und ihren Mann energetisch nicht haltbar. Es ist wie mit all den schönen Dingen im Leben. Bekommt man sie jeden Tag, nutzen sie sich ab. Sie verlieren ihren Zauber, ihren Reiz, und es wird immer schwerer, das intensive Gefühl zu steigern und zu halten. Darum ist es gut, zwischendurch den Alltag zu leben, mit Kuschelsocken und Tiefkühlpizza auf dem Sofa.

Gibt es Eifersucht beim Gruppensex?

Ich komme noch einmal auf das Thema Eifersucht und wie es Anna geht, wenn ihr Mann mit einer anderen Frau Sex hat. Sie sagt etwas sehr Schönes:

„Wichtig ist es, in der Beziehung wahrzunehmen, wann der Partner glücklich ist, auch dann, wenn man nichts damit zu tun hat. Es klappt manchmal – und manchmal nicht.“

Das nenne ich die große Kunst der Partnerschaft. Danke Anna, für dieses wunderbare, offene Gespräch.

Stefan Zeitz

Über die Autorin

Heike Niemeier

Sie hatte eine erfolgreiche Veranstaltungsagentur, aber keinen Spaß mehr in ihrem Job. Mit Ü50 stellte sie ihr Leben komplett auf den Kopf. Mit dem Perspektivwechsel kam eine neue Berufung: Sexberaterin. Und so viel mehr Leichtigkeit und Freude im Leben. Für OW up! schreibt sie regelmäßig über Laune(n), Lust und Leidenschaft. Hier geht's zur Webseite von Heike Niemeier.