Diese 10 Fehler sorgen bei Frauen für weniger Gehalt

Rechtsanwältin Ulrike Prokop klärt auf: Was können wir Frauen selbst tun, um die Gehaltslücke zu den Männern – den „Gender Pay Gap“ – zu verringern?

1. Schon die richtige Ausbildung stellt die Weichen

In den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), also den Berufen, denen vor allem Männer nachgehen, wird in der Regel ein höheres Einkommen erzielt als in den klassischen Frauenberufen. Unabhängig davon ist empfehlenswert, eine Berufsausbildung zu wählen, die bei Abschluss gut bezahlt wird (so bekommt eine Unternehmensberaterin zum Beispiel mehr als eine Sozialpädagogin) oder eine Ausbildung zu wählen, deren Berufsbild später immer nachgefragt wird, wie z. B. in den Pflegeberufen (obwohl es sich hier um klassische Frauenberufe handelt). Sogar hier lässt sich, wenn man sich für eine Unternehmerschaft entscheiden sollte, sehr viel Geld verdienen. Auch wenn man sich für die Angestelltentätigkeit entscheidet, haben die Pflegeberufe einen entscheidenden Vorteil: Man wird auch noch im fortgeschrittenen Alter nachgefragt, selbst jenseits der 60. Dies gibt es hierzulande in keinem anderen Berufsfeld.

2. Qualifikation und Ergebnisse sind bares Geld wert

Es kommt nicht nur auf den Studiengang oder die Ausbildung an. Außer in Berufen, die ohnehin Mangelware sind, wie die Pflegeberufe, sind auch die Abschlussnoten bares Geld wert. Mit guten Noten kann man mehr verlangen als mit einem mäßigen oder schlechten Abschluss, und mit Zusatzqualifikation (Intensivkrankenschwester, Doktortitel) kann man mehr verlangen als mit dem „normalen“ Abschluss des jeweiligen Fachgebiets (Krankenschwester, abgeschlossenes Studium). Lassen Sie sich nicht überraschen, sondern bereiten sich vor. Falls es dann doch schiefgeht und Sie die erhoffte Abschlussnote nicht erreichen, haben Sie sich selbst zumindest nichts vorzuwerfen. Dann stellen Sie andere Vorzüge ins Licht oder bilden sich innerhalb ihrer Gesamtqualifikation weiter.

3. Auch Selbstbild und Erwartungen prägen das erzielbare Gehalt

In einer Reihe von Studien hat man herausgefunden, dass die Lohnerwartungen der Frauen weit hinter denjenigen der Männer zurückbleiben. Besonders junge Akademikerinnen schätzen ihr Verdienstpotenzial sehr gering ein. Sie können sich selbst überlisten, indem Sie Ihre eigene Gehaltsvorstellung als Ausgangspunkt nehmen und 10 bis 20 Prozent obendrauf schlagen. Dann nämlich sind Sie bei den Lohnerwartungen der Männer angelangt. Seien Sie gleichzeitig fest davon überzeugt, dass der/die Arbeitgeber*in einen fühlbaren Mehrwert durch Ihre Arbeitsleistung bekommt. Sollte Ihr Selbstbewusstsein dafür nicht ausreichen, tun Sie so, als ob Sie es schon hätten (nach dem Motto: „Fake it, till you make it.“), Sie werden sehen: das hilft dabei, zu bekommen, was Sie wollen.

4. Das Profil in Stellenanzeigen ist relativ

Frauen fühlen sich nicht nur von Stellenanzeigen abgeschreckt, deren Text vorwiegend aus männlichen Attributen, wie „durchsetzungsstark“, „zielstrebig“ und „analytisch“ besteht, sondern auch, wenn zu viele Eigenschaften enthalten sind, die auf Macht und Status abzielen. In Studien hat man herausgefunden, dass Frauen sich erst dann bewerben, wenn sie dem Profil der Stellenanzeige zu annähernd 100 Prozent entsprechen. Männer hingegen lassen sich von Formulierungen in Stellenanzeigen überhaupt nicht abschrecken. Weil Sie das jetzt auch wissen, handeln Sie wie ein Mann. Interessiert Sie der Job, bewerben Sie sich. Auch auf Stellenausschreibungen, deren Profil Sie nicht zu 100 Prozent erfüllen. Sogar 50 Prozent können reichen. Punkten Sie mit Selbstbewusstsein und Auftreten. Und denken Sie daran: Auch Frauen können durchsetzungsstark, zielstrebig und analytisch sein, und nicht nur engagiert, gewissenhaft und verantwortungsvoll.

5. Das Vorstellungsgespräch als Meilenstein zum Erfolg

Ein gut vorbereitetes Vorstellungsgespräch ist ein wichtiger Meilenstein zum Erfolg. Dass Sie sich zuvor über das Unternehmen eingehend informiert haben, ist nicht nur in Zeiten des Internets selbstverständlich. Für ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch gilt vor allem für Frauen, sich nicht unter Wert zu verkaufen, sondern dem Gesprächspartner*in auf Augenhöhe zu begegnen. Sollte Ihr Interviewpartner*in Fragen zum Privatleben wie z. B. zur Kinderbetreuung Ihres Nachwuchses oder einer späteren Familienplanung stellen, lenken Sie das Gespräch auf das Wesentliche zurück: Ihre Qualifikation, Arbeitsbereitschaft und Geeignetheit für die Stelle. Mit anderen Worten: Überzeugen Sie Ihre*n Gesprächspartner*in, dass Sie die Idealbesetzung sind und treten Sie entsprechend selbstbewusst auf.

6. Die gelungene Gehaltsverhandlung als Königsklasse

Die gelungene Gehaltsverhandlung ist die Königsklasse. Je besser Ihre Qualifikation ist, desto mehr können Sie verlangen. Informieren Sie sich vorab in Gehaltsportalen darüber, was in der Branche üblich ist. Wenn Sie schlecht oder, was häufig passiert, gar nicht verhandeln, holen Sie das verpasste meist nicht auf. Arbeitgeber*innen sagen gerne, was die Bewerberin oder der Bewerber verdienen kann („Mehr können wir nicht zahlen“), um Gehaltsverhandlungen im Keim zu ersticken. Wer sich vorab über das Unternehmen informiert hat, merkt schnell, ob diese Behauptung stimmt oder nicht. Ausnahme ist die öffentliche Hand. Hier gibt es Tarif- und Gehaltsstrukturen, die einzuhalten sind, zumindest am Anfang. Aber auch dort gibt es einen gewissen Spielraum.

Insgesamt gilt: Bei Gehaltsverhandlungen sollten Sie Ihre eigene Qualifikation differenziert bewerten und sich im Pool der Mitbewerber*innen an der richtigen Stelle einordnen. Wenn Sie sich auf Ihrem Gebiet bereits unternehmensübergreifend einen Namen gemacht haben, setzen Sie den Anker bei Ihren Gehaltsvorstellungen und nicht der/die potenzielle Arbeitgeber*in. Am Anfang ist es hingegen eher das Unternehmen, das den Rahmen vorgibt. Ausnahmen gelten für Bewerber*innen mit Spitzennoten, denn die möchte jeder für sich gewinnen. Dann können Sie auch ein Spitzengehalt erzielen. Hier gilt: Setzen Sie einen möglichst hohen Anker und bleiben Sie verhandlungsbereit, wenn Sie merken, dass das Unternehmen wirklich nicht mehr zahlen kann oder will (umgekehrt ist es sehr viel langwieriger, also von einer zu geringen Zahl als Anker wieder nach oben zu kommen). Oder bewerben Sie sich in einem anderen Unternehmen.

7. Zählen Sie nicht auf Unterstützung durch das Entgelttransparenzgesetz

Das Entgelttransparenzgesetz, das seit rund drei Jahren dazu beitragen soll, dass die Lohndiskriminierung zwischen Frauen und Männern verringert wird, hilft in der Regel nicht weiter. Es wird meist nur einen bürokratischen Kampf auslösen, der nicht zum Ziel führt – und ist in den überwiegenden Beschäftigungsverhältnissen von Frauen ohnehin nicht anwendbar, da es erst ab einer Mitarbeiterzahl von 200 gilt. Auf etwaige Nachbesserungen Ihres Gehalts durch die Gerichte ist daher kein Verlass.

Zwar gibt es zwischenzeitlich ein aktuelles Urteil des Bundesarbeitsgerichts (Urteil vom 21.01.2021, Az.: 8 AZR 488/19), das folgendes entschieden hat: „Verdient eine Frau weniger als das mittlere Einkommen der Männer in gleicher Position, ist dies ein Indiz für eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Der Arbeitgeber kann den Verdacht der Diskriminierung zwar entkräften, ihm obliegt insofern jedoch die Beweispflicht.“ Bis die Klägerin ihren Anspruch auf gleiches Gehalt durchsetzen kann, wird noch einige Zeit vergehen und ob ihr dies wirklich gelingt, ist derzeit noch offen.

8. Plan B: Wechsel des Arbeitgebers

Wenn Sie merken, dass weitere Gehaltsverhandlungen nicht zielführend sind oder Ihre Vorgesetzten Ihr Potenzial nicht erkennen, wechseln Sie den/die Arbeitgeber*in, insofern Sie sich bei anderen Unternehmen mehr versprechen. Bei einem Wechsel ist häufig ein höherer Gehaltssprung drin als im eigenen Unternehmen. Denken Sie durchaus über einen Wechsel nach.

9. Machen Sie sich sichtbar, wenn es um Führungspositionen geht

Arbeitgeber*innen haben immer noch unbewusste Vorurteile über die Kompetenzen von Frauen und ihre Arbeitsbereitschaft. Dies gilt insbesondere, wenn Frauen bereits Kinder haben. Viele Arbeitgeber*innen zweifeln immer noch daran, dass Frauen ihren Job mit der Familie vereinbaren können. Nehmen Sie das Heft in die Hand und überzeugen Sie ihre Chefs, dass nicht die abgesessenen Arbeitsstunden für den Erfolg des Unternehmens entscheidend sind, sondern Ihre Leistung und Ihre Arbeitserfolge. Machen Sie sich sichtbar. Nicht das fleißige Lieschen, das still und stetig seine Arbeit tut, wird befördert, sondern der männliche Hansdampf, der gerne und oft von seinen Erfolgen spricht und sich lautstark meldet, wenn es vom Arbeitgeber etwas zu verteilen gibt. Gucken Sie sich davon etwas ab, damit Sie nicht übersehen werden.

10. Tappen Sie nicht in die Mütter-Teilzeit-Falle

Vorneweg ein paar Zahlen, die Sie motivieren sollten, nicht in die Mütter-Teilzeit-Falle zu tappen, sondern dranzubleiben, auch nachdem Sie Mutter geworden sind:

Mütter in Deutschland verdienen 10 Jahre nach der Geburt des 1. Kindes 61 Prozent weniger Gehalt als vor der Geburt des Kindes. Frauen mit Kindern verdienen, auf ihr ganzes Erwerbsleben gerechnet, rund 670.000 € weniger als Männer. Trotzdem hat sich der Anteil der Frauen in Teilzeit in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich erhöht (1991: 30,2 Prozent; 2019: 48,2 Prozent – zum Vergleich – Männer: 11,3 Prozent). Die Zahl der Alleinerziehenden nimmt seit 2014 kontinuierlich zu. Mittlerweile sind es rund 19 Prozent. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. 40 Prozent der Alleinerziehenden gelten als arm. Auch die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern ist in Deutschland mit 46 Prozent weitaus höher als in anderen Ländern.

Die Zahl der Scheidungen nimmt ebenfalls zu: Im Jahr 2019 lag die Scheidungsquote bei 35,8 Prozent. Dieser Trend wird sich in Zeiten von Corona fortsetzen. Das Unterhaltsrecht in Deutschland schützt die Ehefrauen nicht. Ab dem 3. Lebensjahr des Kindes gibt es in der Regel keinen Unterhalt vom Ehemann mehr.

Daher sorgen Sie lieber bereits in Partnerschaft und Ehe vor! Teilen Sie sich die Elternzeit mit Ihrem Partner oder Ehemann paritätisch, also zu gleichen Teilen, auf. Das hat den erfreulichen Nebeneffekt, wie eine weitere Studie zeigt, dass sogar dann, wenn Sie Karriere machen, Ihr Scheidungsrisiko nicht ansteigt. Nach der Elternzeit kehren Sie in einem Umfang von mindestens 30 Wochenarbeitsstunden in Teilzeit zurück.

Ideal wäre, wenn Ihr Partner oder Mann seinen Erwerbsumfang in gleicher Weise reduzieren würde wie Sie. Da sich die Kinderbetreuungsmöglichkeiten und die steuerliche Absetzbarkeit der Kinderbetreuungskosten im Gegensatz zum Gender Pay Gap in den letzten 25 Jahren in Deutschland erheblich verbessert haben, wäre dies ein Erwerbsmodell, bei dem auch der Nachwuchs nicht zu kurz kommt, sondern auch Väter gleiche Teilhabe an der Entwicklung der Kinder nehmen könnten. Diesem Erwerbsmodell gehört die Zukunft, da bin ich mir ganz sicher. Wann wir diese Zukunft erreichen, liegt nicht nur an den politischen Rahmenbedingungen (von denen wir uns nicht viel erhoffen sollten), sondern vor allem an uns selbst.

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Über die Autorin

Ulrike Prokop

Sie ist seit mehr als 25 Jahren als Juristin und Anwältin tätig. Zunächst arbeitete sie im Bereich des Wirtschafts- und Kapitalmarktrechts und seit über zehn Jahren als Scheidungsanwältin. Daher weiß sie, dass die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, langfristig mit hohen Einkommenseinbußen einher geht. Deshalb unterstützt sie Frauen dabei, dies zu ändern, um in Partnerschaft und Ehe langfristig finanziell selbstbestimmt leben zu können.